Der First-Pass-Effekt: Deine Leber filtert mehr raus als du denkst

Der First-Pass-Effekt: Deine Leber filtert mehr raus als du denkst

Der First-Pass-Effekt: Deine Leber filtert mehr raus als du denkst

Du schluckst eine Kapsel. Du denkst, der Wirkstoff landet direkt dort, wo er soll. Was wirklich passiert, ist komplizierter und erklärt, warum Kapseln so oft zu spät wirken.

Was passiert nach dem Schlucken?

Wenn du eine Kapsel oder Tablette schluckst, beginnt eine Reise, die deutlich länger dauert als die meisten Menschen annehmen.

Der Wirkstoff löst sich im Magen auf, gelangt in den Dünndarm und wird dort ins Blut aufgenommen. Aber bevor er irgendwo im Körper wirken kann, muss er eine Zwischenstation passieren: die Leber.

Genau hier greift der sogenannte First-Pass-Effekt.

Was ist der First-Pass-Effekt?

Der First-Pass-Effekt beschreibt den Vorgang, bei dem oral eingenommene Substanzen nach der Aufnahme aus dem Magen-Darm-Trakt zunächst über die Pfortader in die Leber transportiert werden, bevor sie den Rest des Körpers erreichen.

Die Leber ist das größte Stoffwechselorgan des Körpers. Sie filtert, verändert und baut Substanzen ab. Das ist evolutionär sinnvoll. Sie schützt uns vor vielen schädlichen Stoffen. Aber sie unterscheidet nicht immer zwischen Schadstoffen und nützlichen Wirkstoffen.

Das Ergebnis: Ein Teil der eingenommenen Substanz wird bereits in der Leber abgebaut, bevor sie die Blutbahn in ihrer aktiven Form überhaupt erreicht. Die tatsächlich verfügbare Menge und die Bioverfügbarkeit können dadurch erheblich reduziert werden.

Die Pharmakologie kennt dieses Phänomen seit Jahrzehnten. Es ist unter anderem der Grund, warum viele Medikamente in deutlich höheren oralen Dosen verschrieben werden als ihre intravenösen Äquivalente und warum für bestimmte Wirkstoffe alternative Aufnahmewege entwickelt wurden.

Der Zeitfaktor: Warum Kapseln zu langsam sind

Neben dem Verlust durch Lebermetabolismus gibt es noch einen zweiten Faktor: die Zeit.

Studien zeigen, dass es nach der oralen Einnahme von Koffein in Kapselform 20 bis 30 Minuten dauert, bevor nennenswerte Mengen den Darm verlassen, ins Blut übergehen und das Zentralnervensystem erreichen. Der Peak der Koffeinkonzentration im Blut wird bei Kapseln im Durchschnitt nach 84 bis 120 Minuten erreicht.

Wenn du also kurz vor einem wichtigen Meeting, einer Trainingseinheit oder einer intensiven Arbeitsphase eine Kapsel nimmst, verzögert sich der Wirkungseintritt im besten Fall, und im schlechtesten Fall kommt er zu spät.

Der andere Weg: Aufnahme über die Mundschleimhaut

Die Mundhöhle ist stark durchblutet. Die Schleimhäute – besonders unter der Zunge (sublingual) und an den Wangen (bukkal) – sind dünn und direkt mit dem Blutkreislauf verbunden. Substanzen, die hier aufgenommen werden, umgehen den Magen-Darm-Trakt und gelangen direkt ins Blut ohne den First-Pass-Effekt der Leber.

Dieses Prinzip ist in der Medizin seit Langem bekannt. Nitroglycerin bei Herzanfällen wird sublingual verabreicht, da es bei oraler Einnahme durch den First-Pass-Effekt nahezu vollständig inaktiviert wird. Sublingual wirkt es innerhalb von Minuten.

Was die Forschung zu Kaugummi sagt

Eine Studie von Kamimori et al. (2002), veröffentlicht im International Journal of Pharmaceutics, verglich die Koffeinaufnahme von Kaugummi und Kapseln direkt. Das Ergebnis: Die Absorptionsrate aus dem Kaugummi war signifikant schneller und deutet auf eine Aufnahme über die Mundschleimhaut hin. Der Peak der Koffeinkonzentration wurde in den Kaugummi-Gruppen nach 44 bis 80 Minuten, in den Kapsel-Gruppen erst nach 84 bis 120 Minuten erreicht.

Ein Review in Sports Medicine (2018) bestätigt: Bei Koffein aus Kaugummi gibt es einen Zeitverzug von 20 bis 30 Minuten bis zum Wirkungsbeginn bei Kapseln beim Kaugummi beginnt der Anstieg der Plasmakonzentration bereits innerhalb weniger Minuten nach dem Kauen.

Die buccale Aufnahme umgeht dabei nicht nur die zeitliche Verzögerung durch den Verdauungstrakt, sondern reduziert auch den Einfluss des First-Pass-Metabolismus der Leber und des Darms.

Was das für funktionelle Supplements bedeutet

Wenn Wirkstoffe schnell im richtigen Moment verfügbar sein sollen – etwa Koffein vor einem Fokusmoment – ist der Aufnahmeweg entscheidend. Kaugummi kombiniert zwei Vorteile: den mechanischen Kaueffekt, der die Durchblutung im Bereich der Mundhöhle anregt, und die direkte Aufnahme über die stark vaskularisierte Schleimhaut.

Das Ergebnis ist ein deutlich schnellerer Wirkungseintritt als bei Kapseln oder Getränken, die erst den gesamten Verdauungsweg durchlaufen müssen.

Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Individuelle Ergebnisse können variieren.

Quellen

Kamimori, G. H. et al. (2002). The rate of absorption and relative bioavailability of caffeine administered in chewing gum versus capsules to normal healthy volunteers. International Journal of Pharmaceutics. → https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11839447/

Wickham, K. A. & Spriet, L. L. (2018). Administration of Caffeine in Alternate Forms. Sports Medicine. → https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5790855/

StatPearls – NCBI Bookshelf. First-Pass Effect.https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK551679/

StatPearls – NCBI Bookshelf. Drug Bioavailability.https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK557852/

Frontiers in Pharmacology (2019). Administration of Micronized Caffeine Using a Novel Oral Delivery Film Results in Rapid Absorption and EEG Suppression.https://www.frontiersin.org/journals/pharmacology/articles/10.3389/fphar.2019.00983/full

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